Den Angehörigen nicht zu Last werden und trotzdem Zuhause bei Pflegebedürftigkeit leben, wer wünscht sich das nicht für seine Lieben und natürlich für sich selbst. Selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden sein. Das ist leider nicht jedem vergönnt. Viele brauchen am Ende ihres Lebens Hilfe. 

Manchmal können Angehörige aus verschiedensten Gründen nicht mehr die Hilfe leisten, die pflegebedürftige Menschen benötigen. Dann ist für viele der Schritt ins Pflegeheim unvermeidlich. In Bad Essen gibt es seit Januar 2019 eine alternative Wohnform, die den ambulanten Gedanken ergänzt: Wohngemeinschaften. Es gibt zwei WGs. Eine für körperlich eingeschränkte Personen, die andere für Demenzkranke. Gerade bei den an Demenz Erkrankten stellt man sich die Frage: Kann unter dieser schwierigen Krankheit ein WG-Leben möglich sein und wie sieht ein solcher Alltag dann überhaupt aus? „Das funktioniert sehr gut. Die Bewohner ergänzen sich in ihren verschiedenen Fähigkeiten und verstehen sich gut“, sagt Frau Rückin, Koordinatorin der WGs. „Morgens sitzen wir zusammen und überlegen, was an dem Tag ansteht. Es wird der Tag gemeinsam strukturiert.“ In jeder WG leben neun Bewohner, was einen familiären Charakter schafft. Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer mit Nasszelle, welches er vollständig mit Möbeln, Gardinen und Lampen einrichten muss. So entsteht ein individueller Rückzugsort zusätzlich zur gemeinschaftlich genutzten Wohnküche mit großem Esstisch und kleiner Sofaecke. Eine Präsenzkraft ist immer da und betreut alles. Sie kümmert sich darum, dass alles richtig läuft beim Kochen, Putzen oder Wäsche waschen. Die Präsenzkraft übernimmt sozusagen die Arbeit eines pflegenden Angehörigen und genau dies schafft Vertrauen bei den Bewohnern. 

Der Alltag als Demenz Aktivierung

Alle Aufgaben einer Präsenzkraft sind unterstützend oder anleitend angelegt, sie aktiviert die Bewohner, knüpft Kontakte, organisiert Fähigkeiten und Ressourcen, denn in einer WG arbeiten alle Bewohner zusammen. Der eine ist aktiver und kann richtig gut bügeln, der hilft dann demjenigen, der es nicht mehr so gut kann. „Eine Erkrankte konnte nicht mehr richtig das Essen zum Mund führen, da hat eine Mitbewohnerin die Aufgabe des Anreichens übernommen und ihr geholfen. Solche Situationen kann man in dieser familiären Wohnform oft beobachten, die Bewohner helfen und ergänzen ihre Fähigkeiten ganz selbstverständlich“, so Rückin. Die Bewohner wachsen zusammen wie eine Familie. Das sie vieles selbst machen müssen, ist in vielerlei Hinsicht gut. Erstens ist es ein gutes alltägliches Gedächtnistraining. Die vorhandenen Fähigkeiten bleiben länger erhalten, denn sie nutzen diese aktiv. Zweitens ist es ein positives Erlebnis und Stärkung des Selbstwertgefühls, wenn man sagen kann: das habe ich heute geschafft. Neue Hobbys sind nur noch schwer erlernbar und dadurch Frust belastet. Aber Alltagshandlungen, wie etwa Kartoffeln zu schälen, steckt in den Bewohnern, denn das haben die meisten ihr Leben lang getan. Jeder hat Ressourcen und Fähigkeiten, die im Alltag gebraucht werden und kann diese mit in die WG einbringen. Niemand möchte sich immer bedienen lassen, sondern selbstständig und aktiv sein ist Ihnen wichtig. Noch gebraucht werden und Verantwortung zu übernehmen als darauf zu warten das Dinge erledigt werden, macht diese Wohnform interessant. Langeweile kommt im Haushalt nicht auf, denn selbst, wenn alle Aufgaben im Haushalt erledigt sind, hat die Präsenzkraft immer noch eine nette Idee. Denn zusammen die Wohnung zu verschönern durch Blumengestecke, das Bemalen von Keilrahmen oder gemeinsam Spaziergänge oder Gymnastik zu machen gehören zum „Familienleben“ auch dazu. 

Diese Mischung der Aktivierungsarten, biographie- und ressourcenorientiert macht Freude. 

Enge Zusammenarbeit mit den Angehörigen

Wie ist die Idee zu dieser Wohnform überhaupt entstanden? Der Bedarf an Pflegeplätzen ist immens hoch. Es stellte sich die Frage, wie man noch weiteren Menschen Pflege zur Verfügung stellen kann. Obgleich das Konzept nicht so einfach zu etablieren war, ist es jetzt sehr beliebt. Mittlerweile gibt es Wartelisten. Die Wohngemeinschaft ist ein Konzept einer ambulanten Pflegeform. Der Bewohner und seine Angehörigen mieten das Zimmer in der WG mit einem aus drei Möglichkeiten gewählten Servicepaket. Dazu wird mit der Sozialstation Wittlager Land parallel ein Pflegevertrag abgeschlossen bei dem Pflegeleistungen und Hilfebedarfe einzeln gebucht werden können.  

Zudem treffen sich die Bewohner oder deren Bevollmächtigten regelmäßig zu Mieterversammlungen, denn größere Anschaffungen für die Wohngemeinschaft, Planung der Anwesenheit der Präsenzkraft, Regelungen zum Einzug neuer Bewohner oder die Verwaltung der Haushaltskasse benötigen immer die gemeinschaftlich festgelegte Mehrheit, da auch in diesen Bereichen die Selbstbestimmung der Bewohner gilt.  

Auch wenn es um den einzelnen Bewohner geht, wird eine enge Zusammenarbeit mit den Angehörigen gewünscht, denn das Kennenlernen eines an Demenz erkrankten Menschen und das Verstehen dieses Menschen in seiner Lebenswelt geht nur mit Hintergrundwissen und somit sind die Experten die Angehörigen.  Angehörige dürfen ohne zeitliche Vorgabe kommen, sie befinden sich in der Wohnung ihres Angehörigen,  sollen sich dort auch zuhause fühlen.  

Mehrfach am Tag kommt zudem die Pflegefachkraft des ambulanten Dienstes der Sozialstation Wittlager Land in die Wohngemeinschaft. Sie unterstützt die Bewohner bei der Durchführung von ärztlichen Anordnungen wie Medikamentengabe, Injektionen oder Infusionen. Zudem steht sie den Präsenzkräften mit Rat und Tat zur Seite bei pflegerischen Problemen oder Ideen, die eine fachliche Beratung benötigen. Die Pflegefachkraft ist für die Bewohner und Präsenzkräfte durch die angebotene Rufbereitschaft der Sozialstation Wittlager Land über 24h Stunden erreichbar. 

Aufgenommen werden Senioren ab Pflegegrad zwei. Jeder der sich von dem Konzept der aktivierenden Pflege begeistern lässt, ist herzlich willkommen. Grenzen in der Versorgung gibt es nur, wenn ein Krankheitszustand eintritt, der eine 24 h Intensivbehandlung durch Pflegefachkräfte, wie zum Beispiel eine Beatmungspflicht, notwendig macht.  Ansonsten werden alle ambulanten Hilfen ausgeschöpft, um einen schönen gemeinsamen Lebensabend in der „zweiten“ Familie zu gestalten. 

Bei Interesse oder Fragen ist man immer willkommen, sich bei der Sozialstation zu melden unter: 05472 930830.