von Romy Riechert

Vorweg: Ich bin absolut für die Coronaregelungen. Ich möchte den Mist loswerden und dafür würde ich auch nackt in der Arktis schwimmen – wobei … danach hätte ich wahrscheinlich nichts mehr von der wiedergewonnenen Freiheit. Aber naja, ihr wisst, was gemeint ist. Also, wie gesagt: Ich halte mich gerne an alles – wenn schneller alles wieder normal wird, dann bitte!

Warum ich mich so verzweifelt anhöre? Sie können mich jetzt nicht sehen, also werde ich eine kleine Beschreibung abgeben: Ich sitze hier vor meinem Laptop, es ist 21:30 Uhr. Soweit nichts Besonderes, denn Abendstund‘ hat Gold im Mund, oder soll ich sagen hatte? Denn jetzt ist alles anders. Um mich herum liegen leere Verpackungen von Süßkram, obwohl ich wirklich gut bei meiner Diät war. Meine Haare sind fettig und stehen in alle Richtungen ab. Meine Augenränder sind so tief, die könnte eine Maus als Hängematte nutzen. Und zu allem Überfluss trage ich kein Make-up und mein Nagellack sieht, na sagen wir mal, retro aus. Wie konnte ich in so einen erbärmlichen Zustand geraten?

Mal überlegen … da wäre das Homeoffice. Eigentlich nicht schlimm, sondern für mich eher praktisch. Ich habe die Freiheit, mir die Arbeit selbst einzuteilen und habe meine absolute Ruhe im Haus, welche man im Büro ja meist nicht hat. Dreimal die Woche habe ich normalerweise Termine und Videokonferenzen sind auch die Regel. Also kann man nicht sagen, dass man vereinsamt. Ich möchte sogar sagen, dass es die perfekte Mischung ist. Doch der Abstieg begann mit der Verordnung zwei Wochen vor Weihnachten: Es wurde darum gebeten, die Kinder zuhause zu lassen. Was? Kein Kindergarten? Ok, sollte ich hinbekommen. Ich habe zwei zuckersüße Exemplare. Was soll da schon schief gehen? Sie spielen und ich kann arbeiten und mich um den Haushalt kümmern. Nachmittags Quality-Time für die Jungs und abends noch einmal eine schnelle Runde durchs Haus, um alles ordentlich machen. Danach geht es aufs Sofa, vor die Nähmaschine oder an die Staffelei, je nachdem wonach einem der Sinn steht – warum regen sich wohl alle auf? Könnte doch nett werden!

Darf ich Euch fragen, ob ihr eure Kinder kennt? Ich meine, klar, jeder kennt sein Kind. Aber so wirklich meine ich. So aus dem absoluten Innersten. Ich muss gestehen: Bis zu diesem Zeitpunkt anscheinend nicht. Die ersten Tage verliefen noch relativ gut: Ich konnte halbwegs gut arbeiten, ab und zu musste ein Streit geschlichtet werden und der Haushalt funktionierte etwas schleppender, aber er funktionierte. Doch jetzt sieht alles ganz anders aus: Alles steht Kopf … manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühle mich wie ein Oktopus im Affenstall. Es ist ein einziges Chaos. Während ich versuche, am Laptop zu arbeiten, versucht Äffchen eins die ganze Zeit meinen Laptop zuzuklappen oder Äffchen zwei brüllt bei wichtigen Gesprächen so lange, bis ich entschuldigend auflegen muss. Derweil hat wiederum Äffchen Nummer eins sämtliche Spiele auseinander genommen, Puzzle im Raum verteilt, in allen Einzelteilen versteht sich, und Äffchen Nummer zwei ist derweil dabei, meine allerheiligste selbst gemachte Tonschale von der Kommode zu friemeln. Wo soll ich anfangen? Wo aufhören? Ich schnappe mir beide Äffchen und versuche, ein ernstes Wort mit ihnen zu reden, während ich beginne, das Chaos aufzuräumen. Hinter mir höre ich ein Poltern und ein Gebrüll, als wäre auch der Löwe in den Stall gekommen. „Äffchen Nummer eins hat mich gehauen!“ Und von der anderen Seite „Aber Äffchen Nummer zwei hat mir die ganze Zeit die Zunge rausgestreckt.“ Wo sind meine lieben Engel geblieben? Das Kochen habe ich übrigens aufgegeben, denn das ist mittlerweile lebensbedrohlich geworden, für alle Beteiligten. Während ich Gemüse wasche, klettern die Kinder auf die Arbeitsfläche zum Herd und fassen an die heiße Pfanne, stellen eine Platte an, auf der nichts steht und der Ofen wurde auf 250 Grad vorgeheizt – wofür auch immer. Ich drehe mich also um und scheuche die Kinder runter, während ich mit dem Fuß versuche, den Herd auszustellen. In der Zwischenzeit schnappt sich Äffchen Nummer zwei das Messer, welches ich mir schon zurechtgelegt hatte, weil ich ja Gemüse schneiden wollte. Zu spät … ein großes Gejaule — ein Pflaster muss her. Je länger der Lockdown dauert, desto mehr schweben wir in Lebensgefahr. 

Und nicht nur die Kinder wollten betreut werden. Ich möchte hiermit erwähnen, dass auch die Herren der Schöpfung, die auch im Homeoffice arbeiten, sehr wohl jammern können und ich muss ganz ehrlich sagen: Sie behindern den Alltag, wie ein zusätzliches kleines Affenkind (zumindest mein Exemplar). Darf ich jetzt wohl einkaufen gehen? Es ist dringend Zeit, denn heute gab es zu Pommes noch Bohnen und eine Dose einer griechischen Gemüsesuppe. Zum Nachtisch gab es Stracciatella Joghurt. Da dieser nicht mehr reichte, wurde er mit Schmand verlängert. Ich hoffe, er war noch gut. Um wieder Süße reinzubringen, habe ich kurzerhand eine halbe Packung Backstreusel reingetan. Na ja, was soll ich sagen: Alle Äffchen haben es gegessen. Zurück zum Einkaufgedanken: Ich wäge ab, ob ich mich der Gefahr des Ansteckens aussetze oder lieber Zuhause bleibe. Ich schaue meine kleinen Chaos-Kinder an und habe mich ziemlich schnell entschieden: Raus hier, aber sofort! Abstand halten, desinfizieren, Maske … da wird schon nichts schief gehen. Wer behauptet, dass einkaufen kein Highlight sei … es ist ein Highlight! Und besonders die Fahrt im Auto – keine Corona Gefahr, ganz alleine in Ruhe … manchmal fahre ich so langsam, dass ich denke, hält gleich die Polizei an. Aber es ist so schön und vielleicht drehe ich noch eine kleine Schleife … grüne Gedanken hin oder her. Das grüne Gewissen kann mich jetzt einfach mal.

Bitte verstehen sie mich nicht falsch, ich liebe meine Familie, aber vielleicht doch eher in gesunden Dosen, wenn die Kinder mit Freunden spielen können und ausgelastet sind. Wenn der Mann arbeiten geht und Mama in Ruhe arbeiten kann … 

Also meine Frage: Wo bitte geht es zur Arktis?