Am Wochenende war mein Neffe zu Besuch. Er ist Stadtkind durch und durch. Geboren in Hamburg, in der KiTa bis mittags halb zwei und dann auf in den vierten Stock eines Mehrfamilienhauses. Er liebt Tiere, kennt sie allerdings nur aus Hagenbecks Tierpark. Er ist ein durch und durch fröhliches Kind. Letzte Woche ist er zwei Jahre alt geworden, und ich kann sicher sagen, dass er in seinem Leben noch absolut keine Erfahrungen mit Case, Claas und Co. gemacht hat. Und trotzdem will er im Moment nur eins: Trecker fahren!

Blockbuster à la Schleswig-Holstein

Von meinem Freund kenne ich das – für einen romantischen Abend habe ich einmal die Terrasse eines idyllischen Landgasthofs während der Erntezeit gewählt und gelernt: Gegen einen Mähdrescher am Horizont ist selbst das üppigste Dekolleté machtlos –, von meinem besten Freund auch, und eigentlich so ziemlich von allen Männern in meinem weiteren Bekanntenkreis. 

Einmal habe ich einen verkaterten Sonntag in eines Freundes Wohnzimmer damit zugebracht, insgesamt fünf (!) verschiedene (?) Trecker-DVDs zu schauen – die 240er Länge! Aufgenommen wurden sie in der Erntezeit in Schleswig-Holstein, und zu sehen ist lange Zeit nichts. Dann ein Mähdrescher, der von links nach rechts durchs Bild fährt. Dann wieder nichts. Dann wieder ein Mähdrescher, der von rechts nach links durchs Bild fährt. Und so weiter. Das Erstaunliche daran ist nicht nur, dass diese Videos jemand aufgenommen haben muss; sondern auch, dass die DVDs bereits mehrere Umzüge von Studentenbude zu Studentenbude unbeschadet überstanden haben und nach wie vor mit Begeisterung angeschaut werden.

Liebe vergeht, Case besteht!

Ich wurde auch schon mit der Aufzählung eines Fuhrparks angebaggert (ein schönes Wortspiel in diesem Zusammenhang, fällt mir gerade auf): Zwei Trecker von Fendt, ein Weidemann-Radlader für den Alltag und der Mähdrescher von John Deere … Von wegen „Liebe vergeht, Hektar besteht“! Die einzig wahre intime Beziehung führen Männer nicht mit der heißen Blonden, sondern dem starken Grünen. Oder Roten, je nach Vorliebe. Da ist man(n) eigen.

Natürlich durfte ich auch schon selbst Treckerfahren. Und habe viel gelernt. Als Beifahrer gibt es etwa zwei verschiedene Typen: Die einen, die krampfhafter versuchen, ihre Nervosität zu verbergen, als wenn ich mit dem nagelneuen Mercedes SL vom Hof düsen würde. Und die anderen, die ein selbstgefälliges Grinsen auflegen und genau wissen: In diesem einen Moment kann ihnen keiner das Wasser reichen. Nicht Brad Pitt, und nicht George Clooney. Es sei denn, sie kämen in einem größeren Trecker um die Ecke. Aber das ist unwahrscheinlich.

Gucken – fahren  – spielen

Wie gesagt, das Trecker-Phänomen beginnt schon im Kindesalter. Wenn wahlweise meins oder das Patenkind meines Freundes zu Besuch kommen (sind beides Jungs, also genetisch egal), müssen wir immer zuerst Trecker gucken. Dann Treckerfahren. Und dann mit Treckern spielen. Und ich durchschaue nie, wer dabei eigentlich mehr Spaß hat: die Kinder oder die Väter. 

Ich habe das immer darauf geschoben, dass die Jungs auf dem Land leben und Treckerfahren einfach dazugehört. Aber dass auch mein stadtgeprägter Neffe so auf die Dinger abfährt, hat selbst mich überrascht. Er hat an diesem Wochenende auf allen Treckern gesessen, die in der näheren Umgebung aufzutreiben waren. Darunter Modelle von Fendt, Claas, Case und anderen Herstellern, deren Namen ich mir niemals alle werde merken können. Er strahlte dabei übers ganze Gesicht. Und spricht seitdem noch mehr vom Treckerfahren als jemals zuvor.

Für mich steht spätestens jetzt fest: Die Leidenschaft für landwirtschaftliche Nutzgeräte ist genauso in den Genen verankert, wie die perfekte Handhabung der Grillzange oder die diebische Freude daran, heimlich im Stehen zu pinkeln. Ich akzeptiere das. Es hat ja schließlich auch für mich etwas Gutes: Beim nächsten Dinner auf dem Land kann ich getrost einen Rollkragenpulli anziehen!

Text: Svenja Dierker